Performance
Premiere: 15. Mai 26
PREMIERE am 15.05.2026, 20:00 Uhr
Aufführungen am
16.05.2026, 20:00 Uhr
Was passiert eigentlich im eigenen Herzen und im eigenen Kopf und auf der eigenen Haut und in der eigenen Seele, wenn man sich anhört, wie ein Linker, Frankreichs stolze Stimme der Moral, immer auf der Seite der Unterdrückten, der aufsässige Rocker mit dem Kindergesicht, der immer so schön zerbrechlich und leidenschaftlich und poetisch gegen Faschismus, Rassismus und das Böse ansingt, davon säuselt, dass der Wind alles wegtragen würde, auch die Wunden von gestern, die von heute, die des Lebens?
Und was passiert dann im eigenen Herzen und im eigenen Kopf und auf der eigenen Haut und in der eigenen Seele, wenn man sich dazu parallel vorstellen darf, vorstellen kann, vorstellen muss, eben dieser so sanfte Sänger habe seine Geliebte, die Schauspielerin Marie Trintignant so sehr verprügelt, dass der als - aussichtsloser - Retter hinzugezogene Neurochirurg danach feststellte, der Schädel dieser wunderschönen Frau habe ausgesehen, als sei ein Motorrad mit 200 Stundenkilometern gegen eine Mauer gerast.
Ist das noch Poesie? Will ich das noch hören? Und wer ist überhaupt der Mann, der gerne zu schlafen pflegt, wenn seine Frauen sterben? Hat der denn nicht genauso eine zweite Chance verdient, wie der Tenor, der in der Oper den unglücklich Verliebten schmettert? Der hatte einer Frau, die keinen Sex mit ihm wollte, den Kopf so lange auf die Toilettenschüssel geschmettert, bis die zerbrach. Die Schüssel. Aber ansonsten hatte er sich nämlich stets tadellos benommen.
Überhaupt scheinen viele Menschen zu glauben – Unschuldsvermutung!!! - einzig und allein das Strafgesetzbuch sei der moralische Kompass für das Individuum und diene als Referenz für die Bewertung bestimmten persönlichen Verhaltens. Alles andere ist von der Kunstfreiheit gedeckt. Nur das Canceln eben nicht.
Art imitating Life imitating Art. Die Frage, ob sich die Kunst vom Künstler trennen lässt, sollte eigentlich mit Roland Barthes gestorben sein. Wie sinnvoll so eine Trennung überhaupt ist und was daraus nun konkret folgen soll, wenn ein sehnsüchtiges Vergewaltigungsgedicht offensichtlich gar nicht von einem lyrischen Ich verfasst worden war, muss hoffentlich im Jahr 2026 genauso ungeklärt bleiben wie die Frage danach, ob jemand ein guter Filmemacher ist, der eine 13-Jährige für reif genug für Analverkehr gehalten hatte.
CANCEL MY HEAD ist ein Plädoyer für die unbedingte Freiheit der Kunst. Aber vor allem ist es ein Plädoyer für die unbedingte Freiheit der individuellen Rezeption. Die Freiheit, sich gewisser Kunst von gewissen Künstlern nicht mehr aussetzen zu müssen und zu wollen. Und eines für die Freiheit der persönlichen Integrität, solche Entscheidungen ganz individuell treffen zu dürfen, die aber vor allem auch erst mal ein Können beinhalten muss.
Ist das ein Theaterstück? Ist das ein Podcast? Ist das frontaler Aufklärungsunterricht? Drei Performer:innen. Text. Leerer Raum. Aufgeregte Notizen aus dem verbalen Mäandertal. Wenn Peter Brook sagt: „Wo nichts ist, ist alles möglich“, fragen wir „Wo sehr viel ist, was ist da eigentlich noch möglich?“ Man kann Eindeutigkeit durch ein Maximum an Ambivalenz erzeugen. Man kann aber eben auch Ambivalenz durch ein Maximum an Eindeutigkeit erzeugen. Und nun zur Werbung.
REGIE & KONZEPT & TEXTE & PERFORMANCE
Linus Koenig, Christoph Maasch, Jana Peil
SOUND
Jana Peil
TECHNISCHE EINRICHTUNG
Felix Bieske und Linus Koenig
FOTOGRAFIE
Christian Schuller
Eine Koproduktion von Landungsbrücken Frankfurt mit Blasted Productions 2026
Gefördert vom Kulturamt der Stadt Frankfurt

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